Schallplatte mit Volker Rebell Beschriftung

2017 Kramladen-Sendungen in ByteFM

am Donnerstag 23.03.17, 23-24 Uhr (Wiederholung 25.03.17, 14-15 Uhr), Thema:

Elton John - zum 70. Geburtstag

Wer kennt schon Reginald Kenneth Dwight? Mit einem solchen Namen kann man höchstens Abteilungsleiter in der Brillenfachabteilung werden, oder allenfalls Kassenwart eines Fußballvereins, dachte sich offenbar der 20-jährige Pianist Reg und taufte sich vor 50 Jahren kurzerhand in Elton John um. Wenige Jahre später war er Popstar, besaß mengenweise exzentrische Brillen und leistete sich einen eigenen Fußball-Verein.

Heute trägt er den Adelstitel Sir, ist Ehrendoktor der Royal Academy of Music und spendet er für seine AIDS-Stiftung. Solange er lebe und Platten produziere, werde er alle Erlöse aus seinen Single-Verkäufen für die AIDS-Forschung zur Verfügung stellen, verkündete Elton John schon vor vielen Jahren. Für den Nr.1-Hit „Sacrifice" von 1990 kamen so vierhunderttausend britische Pfund zusammen. Seine späteren Single-Veröffentlichungen konnten allerdings nicht mehr ganz so viel Geld für den guten Zweck sammeln, mal abgesehen von der Remake-Single „Candle In The Wind", die ursprünglich für Marilyn Monroe geschrieben war und in der Neufassung von 1997 für Lady Di zur meistverkauften Single aller Zeiten aufstieg - was Keith Richards zum lästernden Ausspruch veranlasste, Elton Johns Talent beschränke sich darauf, Songs über tote Blondinen zu schreiben. Immerhin brachte die Zweitverwertung von „Candle In The Wind" der Stiftung zu Ehren von Prinzessin Diana 30 Millionen US-Dollar ein.

Auch wenn es immer wieder mal längere oder kürzere Durststrecken des Misserfolges und Phasen kreativer Flaute gab, sein Starruhm verblasste doch niemals. Immer wieder gelang es ihm, sich erneut mit einem großartigen Song in den Charts zurückzumelden und ins Bewusstsein der Medien und der Pop-Öffentlichkeit zurückzukehren.

Gemeinsam mit dem Texter Bernie Taupin schrieb Elton John in den vergangenen fünf Jahrzehnten ein Repertoire an edlen Popsongs, das zum qualitativen Premiumsegment in der Popgeschichte zu zählen ist

Im April wird der dann 70-jährige Elton John (geboren am 25. März 1947 in Pinner bei London) in Südamerika auf Tournee sein und gibt anschließend acht Konzerte in Las Vegas unter der Überschrift „The Million Dollar Piano". Für Juni und Juli ist eine große Europa-Tournee angekündigt, die ihn auch nach Deutschland führen wird  (5. Juli Mannheim, 7. Juli Berlin und 8. Juli Hamburg). Und für den Herbst sind Konzerte in Australien, Spanien, Frankreich und Russland geplant. Der mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern erfolgreichste Sänger/Pianist/Komponist der Popgeschichte, der im Frühjahr 2016 sein 33. Studioalbum „Wonderful Crazy Night" veröffentlichte, bleibt also ungebrochen aktiv.

Nachdem er seine langjährige Drogenabhängigkeit, die ihn fast das Leben gekostet hätte, 1992 überwinden konnte, produzierte und konzertierte Elton John danach auf qualitativ gleich bleibend hohem Niveau und erfreut sich bis heute einer großen Anerkennung und enormen Beliebtheit, was seine Tourneetätigkeit auch im Jahre 2017 belegen kann.

Der Kramladen würdigt den Popkomponisten, Sänger und Pianisten Reginald Kenneth Dwight, der als Elton John zum Superstar aufstieg und zum Sir geadelt wurde.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Elton John / Claw Hammer / Wonderful Crazy Night / Universal
3. Elton John / Take This Dirty Water / The Diving Board / Mercury Records
4. Elton John & Eric Clapton / Runaway Train / The One / MCA
5. B.B. King & Elton John / Rock This House / B.B. King & Friends - 80 / Geffen
6. Eminem & Elton John / Stan (live) / Curtain Call The Hits / Shady Records
7. Elton John / Old '67 / The Captain & The Kid / Mercury Records
8. Elton John / Border Song / Border Song / DJM Records
9. Elton John / Goodbye Yellow Brick Road / Goodbye Yellow Brick Road / MCA Records
10. Elton John & Mary J. Blige / I Guess That's Why The Call It The Blues / One Night Only / Mercury Records
11. John Lennon feat. Elton John / What Ever Gets You Through The Night / Walls & Bridges / Apple

am Donnerstag 09.03.2017, 23-24 Uhr (Wiederholung 11.03.17, 14-15 Uhr), Thema:

Zensur im Pop und Moddis verbotene Lieder

 In Zeiten von Fake-News, alternativen Fakten, „Lügenpresse" und gezielter Desinformation, in diesen Zeiten der Inhaftierung kritischer Journalisten, der Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der staatlichen und behördlichen Willkür, in diesen Wochen, in denen Autokraten eine kritische Presse pauschal verunglimpfen, Oppositionelle als Terroristen anklagen und unliebsame Fragesteller mundtot machen, in diesen Tagen sind die „Unsongs", die verbotenen Lieder, die der norwegische Musiker Moddi nun auf die Bühne bringt, von besonderer Brisanz und Aktualität.

Zensur gab es in der Popmusik schon immer: Radioboykott, schwarze Listen, indizierte Songs, oder die Weigerung von Plattenfirmen, Songs oder auch nur Plattencover mit provozierendem, „anstößigem" Inhalt zu veröffentlichen.

Über die Indizierung von Tonträgern durch behördliche Institutionen wie die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" kann man geteilter Meinung sein, nicht aber über die kritische Auseinandersetzung mit rechtsradikalen Bands bis hin zum Verbot von Gewalt verherrlichenden und menschenverachtenden Liedtexten.

Das Songprogramm „Unsongs" des norwegischen Singer/Songwriters und Folkpop-Sängers Moddi, mit dem er nun auf Tournee geht, präsentiert Lieder aus aller Welt, die wegen ihrer politischen oder gesellschaftskritischen Inhalte boykottiert oder aus dem Verkehr gezogen wurden, deren Urheber verfolgt, inhaftiert oder gar getötet wurden und die vor dem Vergessen-werden bewahrt werden müssen.

Das Album und Songprogramm „Unsongs", das Moddi Ende März live in Deutschland vorstellt, versammelt zwölf von ihm neu interpretierte, internationale Lieder, die in ihren jeweiligen Ländern verboten oder indiziert wurden.

Moddi: „Alles ist dabei - von Leuten, die wegen ihrer Musik getötet wurden wie Victor Jara aus Chile und Lounes Matoub aus Algerien. Künstler, die im Gefängnis waren wie Pussy Riot in Russland und Viet Khang in Vietnam, oder die immer noch eingesperrt sind wie Liu Xiaobo in China, bis zu Stars, die es nicht wirklich körperlich zu spüren bekamen, aber deren Songs einfach nicht mehr gespielt wurden wie etwa einzelne Songs von Kate Bush oder in Israel von Ihzar Ashdot." 

Kate Bush ist in der Tat niemals wegen eines ihrer Lieder bedroht worden. Ihr Song „Army Dreamers" von 1980 wurde während des ersten Golfkrieges lediglich von den Playlists der BBC gestrichen. Der algerische Sänger Lounes Matoub indes wurde wegen seiner kritischen und satirischen Lieder angefeindet, verfolgt und schließlich ermordet.

Das Thema Zensur im Pop zeitigte auch kuriose Vorgänge, etwa dass der brave Paul McCartney 1972 auf die Verbotsliste der BBC kam wegen seines harmlosen Protestsongs „Give Ireland Back To The Irish", oder dass Drafi Deutschers Schlagerschnulze „Marmor Stein und Eisen bricht" in der DDR von der Parteispitze verboten wurde, weil sie fürchtete, der Text könne als Attacke auf den „antiimperialistischen Schutzwall", sprich die Berliner Mauer verstanden werden. Johnny Cashs Nr.1.Hit „A Boy Named Sue" von 1967 durfte in vielen US-amerikanischen Radioprogrammen nur mit einem eingeblendeten Piepton statt der Zeile „son of a bitch" („Hurensohn") gesendet werden.

Der mehr gestöhnte als gesungene Beischlaf-Song „Je t'aime (moi non plus)" von Serge Gainsbourg und Jane Birkin war 1969 der meist zensierte Song der Popwelt. Die Single wurde mit Sendeverbot belegt und in Frankreich, England und Deutschland zum Teil mit Warnhinweisen bedruckt und in Italien sogar razzia-artig beschlagnahmt.

Schwerer wog da schon der Boykott, der 2003 in den USA gegen die Dixie Chicks verhängt wurde, weil die aus Texas stammende Leadsängerin der Dixie Chicks in einem Interview sich kritisch über den Irak-Krieg geäußert und gesagt hatte, es sei eine Schande, dass Präsident George W. Bush aus ihrem Bundesstaat komme. Die Platten und Videos der Countrypop-Band standen danach auf der Sendeverbotsliste fast aller US-Radio- und Fernsehsendern, Fanartikel wurden öffentlich verbrannt und Morddrohungen ausgestoßen.

Harmlos dagegen und auch wenig drollig waren die Zensuraktivitäten des bayerischen Kulturministeriums, das 2001 einem Schulbuchverlag die Anweisung erteilte, ein bereits gedrucktes Liederbuch für den Musikunterricht wieder einzustampfen, weil es ein anstößig kritisches Lied der bayerischen alternativen Volksmusikgruppe Biermösl Blosn enthielt. Der bayerische Kultusstaatssekretär rechtfertigte die Zensur-Aktion mit der Begründung, das Lied „Gott mit dir, du Land der BayWa" sei eine Verballhornung des Bayernlieds, „um die Firma BayWa und den Einsatz von chemischen Düngemitteln in der bayerischen Landwirtschaft zu kritisieren". So etwas sei für den Gebrauch im bayerischen Unterricht ungeeignet. Wenn die Zensur doch immer nur so lächerlich deppert wäre und nur zur Belustigung beitragen würde wie in Bayern.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Moddi / A Matter Of Habit / Unsongs / Propeller Records
3. Moddi / June Forth 1989 From The Shatterd Pieces Of A Stone It Begins / Unsongs / Propeller Records
4. Gene Vincent / Woman Love / Be-Bob-a-Lula / Capitol
5. Moddi / Open Letter / Unsongs / Propeller Records
6. Moddi / Our Worker / Unsongs / Propeller Records
7. Phil Collins / The Times They Are-A Changin' / Dance Into The Light / Face Value Records
8. Moddi / The Shaman And The Thief / Unsongs / Propeller Records
9. Silly / Battailon D'Amour / Battailon D'Amour / Amiga BMG
10. Biermösl Blosn / Gott mit dir du Land der Baywa / Grüß Gott, mein Bayernland / Mood Records
11. Moddi / Punk Prayer / Unsongs / Propeller Records
12. Kolbe-Illenberger / Waves, Emotions, Annalisa (Hintergrundmusik) / Essentials / timezone

 

am Donnerstag 23.02.2017, 23-24 Uhr (Wiederholung 25.02.17, 14-15 Uhr), Thema:

In Memoriam: Al Jarreau und Larry Coryell

Die traurige Serie von Todesfällen in der Popularmusik reißt nicht ab. Nun sind auch die renommierten Jazzmusiker Al Jarreau und Larry Coryell gestorben.

Nur vier Tage nachdem der virtuose Jazzsänger Al Jarreau ankündigen musste, dass er auf ärztlichen Rat hin alle für 2017 geplanten Konzerte absagen müsse, starb er im Alter von 76 Jahren am 12. Februar. Der Schwerpunkt dieser In Memoriam-Sendung gehört dem Stimmwunder Al Jarreau, der wegen eines Schwächeanfalls und Atemnot, wie es hieß, Ende Januar ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Am 8. Februar ließ er vom Krankenbett aus verlauten, es gehe ihm zwar besser, er müsse aber schweren Herzens vom Tourleben Abschied nehmen. Die gesundheitliche Besserung war indes nur von sehr kurzer Dauer. Nun müssen alle seine Anhänger von ihm, dieser großen Sängerpersönlichkeit, endgültig Abschied nehmen.

Al Jarreau konnte schöpferisch improvisieren wie kaum ein zweiter, verfügte über stimmliche Fähigkeiten wie nur wenige andere Sänger und hatte die Gabe, den Klang von Instrumenten mit seiner Stimme zu imitieren. Zu recht feierte man ihn, den charismatischen Gesangsvirtuosen, als „einzigen Vokalisten mit einem ganzen Orchester in der Kehle".

Der in Milwaukee, Wisconsin am 12. März 1940 geborene Al Jarreau, der eigentlich Alwyn Lopez Jarreau hieß, war das fünfte von sechs Kindern. Sein Vater war Prediger, musste aber während der Kriegsjahre in einer Munitionsfabrik schuften, währenddessen vertrat die Mutter den hart arbeitenden Vater in der Kirche und spielte die Orgel. Die Familie Jarreau war arm und hatte kein leichtes Leben in der öden Stadt Milwaukee im Mittelwesten der USA, wo die afroamerikanische Bevölkerung unter sozialen Problemen und Diskriminierungen noch mehr zu leiden hatte als in anderen Städten des Mittleren Westens. Doch die gesamte Familie, Eltern und Geschwister, war hoch musikalisch, schon in seiner Kindheit erlernte Al im gemeinsamen Singen mit seinen Geschwistern das Improvisieren. Als junger Mann begann er in Bars aufzutreten und verdiente sich so ein wenig Geld für sein Studium der Psychologie und Sozialpädagogik. Anschließend zog er nach San Francisco und arbeitete dort tagsüber als Rehabilitationshelfer für geistig und körperlich behinderte Kinder und Erwachsene und arbeitete als Sozialhelfer mit Drogenabhängigen, und abends widmete er sich seiner Musik und seiner Entwicklung als Jazz-Sänger. 1969 entschloss er sich dann professionell Musik zu machen, konnte aber erst 1975 als damals schon 35-jähriger ein eigenes Album aufnehmen. In seiner Heimat USA kaum beachtet, wurde sein Debütalbum in der Bundesrepublik mit dem Schallplattenpreis der Deutschen Phonoakademie ausgezeichnet.

Kein anderer Musiker hat es - bis heute jedenfalls - fertig gebracht in den drei so unterschiedlichen Genres Jazz, Rhythm'n'Blues und Pop einen Grammy, die höchste Auszeichnung der US-amerikanischen Musikwelt zu erhalten. Insgesamt wurde er 7 mal mit einem Grammy ausgezeichnet. In seinem Nachruf schrieb der Zeit-Autor Stefan Hentz: „In seinem Gesang fließen die verschiedenen Seitenarme eines Stroms wieder zusammen, der sich irgendwann aufgeteilt hatte, als der Jazz erwachsen wurde und Kunstwillen zeigte, die schwarze Popmusik lieber Glitzeranzug trug und der kleine Bruder Rock'n'Roll das Pubertäre für sich beanspruchte." In Al Jarreaus Stimme hört der Autor: „Betörende Virtuosität und menschliche Wärme, mitreißenden Groove und subtil phrasierte Melodie, die Experimentierfreude des Jazz, den Schmelz des Rhythm'n'Blues und die Menschennähe des Pop".

Genau eine Woche nach Al Jarreau starb ein weiterer renommierter Jazzmusiker. Der Jazzrock-Gitarrist Larry Coryell hatte eine ganze Zeit lang mit Drogenproblemen zu kämpfen. Ob sein relativ früher Tod im Alter von nur 73 Jahren mit seiner früheren Drogenproblematik zu tun hat, ist eine spekulative Frage. Jedenfalls ist der Fusion-Pionier Larry Coryell, der gerade auf Tournee war, am Sonntag dem 19. Februar 2017 in einem New Yorker Hotel an Herzversagen gestorben.

Gemeinsam mit John McLauglin und Paco deLucia bildete Larry Coryell Ende der 70er Jahre das berühmte Guitar Trio mit deren legendärer Produktion „Meeting Of Spirits". Doch wegen seiner Drogenprobleme musste Larry Coryell ausscheiden und wurde durch Al DiMeola ersetzt. Schon 1968 war er durch die Jazzrock-Schule von Miles Davis gegangen, und 1973 gründete der 1943 in Texas geborene, in New York lebende Gitarrist seine eigene Fusion-Gruppe The Eleventh House, mit der Larry Coryell auch in Europa bekannt wurde. Seine handwerkliche Klasse als profunder, stilprägender Gitarrist und fähiger Komponist ist unbestritten. Ein US-amerikanischer Kritiker nannte ihn sogar: „Godfather of Fusion".

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Al Jarreau / All I Got / All I Got / GP, Universal
3. Al Jarreau / (Round Round Round) Blue Rondo á la Turk / Breakin Away / Warner Bos
4. Al Jarreau / You Don't See Me / We Got By / Reprise
5. Al Jarreau & Marcus Miller / You Don't See Me / Tenderness Studio Session / WEA
6. Al Jarreau / Raging Waters / Al Jarreau in London / Polygram
7. USA For Africa / We Are The World / We Are The World / CBS
8. George Benson & Al Jarreau feat. Paul McCartney / Bring It On Home To Me / Givin' It Up / Concord Records, Universal
9. Al Jarreau / Groovin' High / Accentuate The Positive / Verve
10. Al Jarreau / Fire And Rain / Glow / Warner
11. Larry Coryell / Purple Haze / Gipsy Blood A Tribute To Jimi Hendrix / Horizons

 

am Donnerstag 09.02.2017, 23-24 Uhr (Wiederholung 11.02.2017, 14-15 Uhr), Thema:

„It Was The Heat Of The Moment" - John Wetton, Sänger, Bassist und Songschreiber u.a. bei ASIA starb am 31.01.2017 an Krebs. Ein Porträt und Nachruf.

When I ride the hounds of hell / Twist my foot, I nearly fell / I was lucky I was alive /
One look back, I could have died / I was the sole survivor"
. Diesen von ihm geschriebenen Song über das Glück, eine persönliche Katastrophe überlebt zu haben, sang John Wetton zum letzten Mal live im Römischen Theater zu Plovdiv in Bulgarien - im letzten Konzert seiner Band ASIA, begleitet von einem großen bulgarischen Symphonieorchester. Der Livemitschnitt erscheint am 24. Februar 2017 auf CD und DVD. Der Doppel-Silberling „ASIA - Symfonia live in Bulgaria 2013" wird musikalisch eröffnet von „Sole Survivor", John Wettons erstem Erfolgssong, der 1982 als Single und im Debütalbum von ASIA erschienen war.

Überwunden hatte John Wetton seine schwere Alkoholabhängigkeit, überlebt hatte er 2007 eine komplizierte Herzoperation, überlebt hatte er im Frühjahr 2015 eine Krebsoperation, bei der ihm ein fast kilo-schwerer maligner Tumor entfernt worden war, doch dann kam der Krebs zurück. Am 31. Januar starb John Wetton im Alter von 67 Jahren.

John Wetton war Mitglied in erstaunlich vielen berühmten Bands und veröffentlichte 19 Soloalben. 1997 erschien sein wohl bestes Soloalbum „Arkangel". Als  Erzengel der britischen Rockszene hätte man den umtriebigen Musiker in seinen besten Jahren bezeichnen können. Auch als gefallener Engel konnte er wegen seiner Alkoholsucht gelten. Bei Solokonzerten in den 1990er Jahren war er oft so betrunken, dass er von der Bühne getragen werden musste. Doch niemals war er ein namenloser Posaunenengel aus dem Background-Chor.

Er hatte etwas von einem unsteten Wanderer, aber auch etwas von einem Chamäleon, das sich in jeder neuen Umgebung zu assimilieren versteht. Kein anderer englischer Musiker hat mit einer solchen Vielzahl von prominenten Bands und renommierten Solisten zusammengearbeitet wie er. Die Liste der Gruppen und Einzelkünstler, bei denen John Wetton seine Talente als Sänger, Bassist und/oder Songschreiber unter Beweis stellen konnte, liest sich fast wie ein Who-is-Who der britischen Pop/Rock-Geschichte: Mogul Thrash, Rare Bird, Family, King Crimson, Uriah Heep, Roxy Music, Streetwalkers, UK, Wishbone Ash, ASIA, Qango, Icon und andere. Er kooperierte mit Solokünstlern wie Brian Eno, Pete Sinfield, Bryan Ferry, Phil Manzanera, Peter Banks, Steve Hackett, David Byron, Roger Chapman und vielen mehr. Er schrieb Songs für Jethro Tull, Agnetha, David Cassidy, Heart, Cher u.a.. Sein berühmtester Song „Heat Of The Moment" stammt aus dem Jahre 1982; er schrieb ihn für seine Pomp- und Progressive-Hardrockband ASIA, der er von allen seiner vielen Bands am längsten angehörte. Für 2017 war eine große USA-Tour von März bis Juli schon fest gebucht. Die Tourdaten stehen noch immer auf der ASIA-Homepage.

Carl Palmer, Ex-ELP und Schlagzeuger bei ASIA schrieb in einem persönlichen Nachruf über seinen Band-Kollegen John Wetton: „John hatte eine sanftmütige Persönlichkeit. Er erschuf einige der unsterblichsten Melodien der Popmusik,. Als Künstler war er sowohl mutig als auch innovativ. Seine Stimme trug die Musik von ASIA in die Hitlisten der ganzen Welt. Sein später Triumph über die Alkoholsucht machte ihn zu einer Inspiration für viele Menschen, die sich in einem ähnlichen Kampf befinden. Für jene die ihn näher kannten und mit ihm zusammenarbeiteten, war auch sein tapferer Kampf gegen den Krebs eine Inspiration. Ich werde sein Talent vermissen, seinen Sinn für Humor und sein ansteckendes Lächeln."

In seinem letzten Studiosong, den John Wetton 2014 für das ASIA-Album „Gravitas" aufnahm, singt er: „Think the best of me, till we meet again."

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
0. ASIA / Till We Meet Again / Gravitas / Ward Records
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. John Wetton / The Last Thing On My Mind / Arkangel / Eagle Records
3. ASIA / Sole Survivor / ASIA - Symfonia live in Bulgaria 2013 / Frontiers Music
4. John Wetton / Rock Of Faith / Rock Of Faith / Giant Electric Pea
5. Family / Burlesque / Bandstand / Reprise WEA
6. Mogul Thrash / Elegy / Mogul Thrash / RCA
7. King Crimson / Fallen Angel / Red / E.G. Records
8. Roxy Music / Do The Strand / Viva! Roxy Music / Polydor
9. Bryan Ferry / The In-Crowd / Another Time Another Place / Island
10. Uriah Heep / Return To Fantasy / Return To Fantasy / Bronze Records
11. Phil Manzanera / Numbers / K-Scope / Parlophone
12. Roger Chapman & The Shortlist / Prisoner / Hyenas Only Laugh For Fun / Sanctuary
13. ASIA / Heat Of The Moment / Now - Live in Nottingham / Blueprint
14. UK / Caesar's Palace Blues / Night After Night / EG Records

 

 

am Donnerstag 26.01.2017, 23 - 24 Uhr (Wiederholung 28.01.2017, 14-15 Uhr), Thema:

Komplexität statt Simplifizierung - Vielfalt statt Einfalt - Offenheit statt Scheuklappen

Das neue Jahr begann vielversprechend - zumindest im Bereich der Neuveröffentlichung künstlerisch ambitionierter Pop/Rockalben. Wenn in der aktuellen Zeitgeschichte Personen und Strömungen versuchen, mit „alternativen Fakten" und Ansichten aus der Mottenkiste vordemokratischer Zeiten das Rad der Geschichte zurückzudrehen, dann muss man dagegenhalten - unter anderem mit dem emanzipatorischen Geist der Kunst. Auch in der aktuellen Pop/Rockmusik finden sich jede Menge Beispiele für ein aufgeklärtes fortschrittliches Bewusstsein: Songschreiber, Komponisten, Bands, in deren neuen Alben sich eine stilistische Offenheit mit Experimentier- und Spielfreude verbindet und nach individuellen, neuen Wegen geforscht wird.

Vielschichtigkeit, Komplexität, Grenzüberschreitungen, Kreativität und Klangfantasie, all das findet sich in den neuen Alben „Preternatural" von Moulettes, „V" von Blackfield, „Venn" von Clock Opera, „Hang" von Foxygen, „In The Passing Light Of Day" von Pain Of Salvation, „Mother Tongue" von Rebekka Karijord, „Close Eyes To Exit" von Klangstof, „The Outpost" von Blueneck, u.a.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Moulettes / Parasite / Preternatural / Craft Pop, Rough Trade
3. Clock Opera / Whippoorwill / Venn / K7, Indigo
4. Pain Of Salvation / Meaningless / In The Passing Light Of Day / Inside Out, Sony
5. Foxygen / Mrs. Adams / Hang / Jagjaguwar, Cargo
6. Blackfield / Family Man / V / Kscope, Edel
7. Rebekka Karijord / Home / Mother Tongue / Control Freak Kitten Records, Cargo
8. Moulettes / Coral / Preternatural / Craft Pop, Rough Trade
9. Gentle Giant / Free Hand / Playing The Fool / Chrysalis
10. Foxygen / America / Hang / Jagjaguwar, Cargo

 

am Donnerstag 12.01.2017, 23-24 Uhr (Wiederholung 14.01.2017 14-15 Uhr), Thema:

In Memoriam: Paul Vincent Gunia

- zum Tod eines großartigen, vielseitigen und zeitlebens unterschätzten Musikers 

Wer sich nur über die großen Musikzeitschriften informiert, konnte es nicht wissen, weil es dort nicht vorkam. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat es nicht mitbekommen und jetzt erst durch Zufall erfahren: Der großartige Musiker, virtuose Gitarrist und originelle Komponist von Rocksongs und Soundtracks für Kino/TV-Filme, Paul Vincent Gunia, ist bereits im Oktober 2016 gestorben.

Am 1. Dezember 1950 im Rheinland geboren, begann Paul Vincent, wie er sich als Musiker nannte, seine Laufbahn als Sänger und Gitarrist noch zur Schulzeit in der Beatband Park Lane und gehörte anschließend kurzzeitig der hessischen Psychedelic Rockband Missus Beastly an. Nach dem Gymnasium zog er nach München und konnte rasch in der dortigen Musikerszene Fuß fassen. Über den Jazz-Saxophonisten und Manager der Band Amon Düül II, Olaf Kübler, lernte er Klaus Doldinger kennen, in dessen Jazzrock-Gruppe Motherhood Paul Vincent als Gitarrist einstieg. Zu Motherhood gehörte damals auch der Schlagzeuger Udo Lindenberg, mit dem Paul Vincent später eng zusammenarbeiten sollte. 1973 erschien sein Debütalbum als Solist: „Vincent - Makin' Our Own Sweet Music", mit selbstverfassten, englischsprachigen Songs, gefolgt 1975 von dem deutschsprachigen Album „Vincents Fliegender Rock & Roll Zirkus", das im schnoddrigen Szenesprech der Texte an Udo Lindenberg erinnerte. 1982 wurde Paul Vincents dritte Solo-LP, das Deutschrock-Konzeptalbum „Sternreiter" veröffentlicht, eine „phantastische Reise ans Ende der Zeit" (Untertitel).

Inzwischen war Paul Vincent längst zu einem gefragten Studiomusiker aufgestiegen und begleitete eine große Zahl namhafter Musiker bei deren Plattenproduktionen. So arbeitete er als Studiogitarrist z.B. für Freddie Mercury, Eric Burdon, Sting, Roger Clover (Deep Purple), Meat Loaf, Gary Brooker (Procol Harum), Gianna Nanini, Eberhard Schoener und Peter Maffay. Zwischen 1976 und 1980 war er dann als Gitarrist, Co-Komponist und Arrangeur Mitglied in Udo Lindenbergs Panikorchester, danach der Macher, Songschreiber und Produzent in der Wolle Kriwanek Band, die von 1977 bis 2003 eine der wichtigsten Mundart-Bluesrockbands in Deutschland war. Als der schwäbische Dialekt-Rocker Wolle Kriwanek im April 2003 überraschend starb, machte die Band nun unter der Leitung von Paul Vincent mit neuem, englischsprachigem Songprogramm weiter und nannte sich Vincent Rocks.

Daneben gründete er die Band Quartetto, die sich auf Rock-Arrangements von klassischen Kompositionen (u.a. von Bach, Mozart, Grieg) spezialisierte. Schon in den 90er Jahren hatte er gemeinsam mit seiner Frau, der klassisch ausgebildeten Sängerin Monika „Mono" Gunia, ein weiteres Side-Projekt ins Leben gerufen, die Gospel-, Folk- und Spiritualgruppe Vincent, mit der er drei LPs produzierte.

Neben Live-Konzerten und Plattenaufnahmen beschäftigte sich Paul Vincent immer mehr auch mit der Komposition und Produktion von Filmmusik für TV-Serien und Kinofilme. Im Jahre 2001 erhielt er den Deutschen Fernsehpreis in der Sparte „beste Filmmusik" für seine Musik zum Film „Der Schrei des Schmetterlings". Für den Tatort hatte er ebenso Musik produziert wie für die ARD-Serie „In aller Freundschaft". Nebenher arbeitete er auch als Musikjournalist, schrieb von 1987 bis 2005 Kolumnen für die Musikfachzeitschrift Sound Check, führte Interviews mit Brian May, Jimmy Page u.a. und veröffentlichte 1993 ein Buch über die Geschichte der Rock-Gitarre („Das Rock Guitar Buch").

Auf seinen eigenen Alben überraschte er immer wieder mal mit originellen Stilverschmelzungen. Dazu gehörte auch eine originelle Mixtur aus Mozarts kleiner Nachtmusik und dem Bluesrock-Klassiker „Sunshine Of Your Love" von Cream. Zur Creme der deutschen Pop/Rock-Musiker zählte der bescheidene Paul Vincent allemal, auch wenn ihn außerhalb der Musiker- und Insiderszene kaum einer kannte. Diese Kramladen-Ausgabe will an das große Können des ungemein sympathischen und fachkundigen Musikers Paul Vincent erinnern - und zwar mit einem Querschnitt durch seine umfangreiche Produktivität.

So veröffentlichte er z.B. im Jahre 2004 eine Rockoper mit dem Titel „Love and Peace and Rock'n'Roll". In dieser amüsanten Song-Geschichte erzählt Paul Vincent mit mild ironischem Unterton ein Stück Rock-Historie aus Deutschland und England in den frühen siebziger Jahren. Auf drei CDs, die sehr liebevoll und aufwändig produziert wurden, hatte Paul Vincent seinen Traum von einer „Rock-Oper aus besseren Zeiten" - so der Untertitel - verwirklicht.

Im Jahre 2007 erschien das souverän eingespielte Live-Album American Girl seiner Band Vincent Rocks. 2011 veröffentlichte Paul Vincent äußerst gelungene, mutige und fast im Alleingang aufgenommene Bearbeitungen von Beatles-Songs in seinem Album My Beatles Songbook. Im Jahr darauf folgte sein nostalgisches, handwerklich großartig gemachtes, psychedelisches Bluesrock-Album Electric Hippie Music. Sein ungebrochener Arbeitseifer und seine schier unerschöpfliche Kreativität führten schließlich 2015 zu der 71 Songs umfassenden 4-CD-Box L.O.V.E., eine Art Kompendium der Love-Song-Tradition in der Popgeschichte; alles selbst geschrieben, arrangiert und überwiegend alleine in seinem eigenen Tonstudio aufgenommen. Hut ab! Große Pop-Kunst! Im September 2016 erschien dann sein letztes Album „Kammermusik".

Für seine Familie und Freunde muss es wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel gekommen sein. Paul Vincent Gunia starb am 25. Oktober 2016 völlig überraschend „an den Folgen eines schweren Herzinfarktes" (www.vincentrocks.de). Er wurde nur 65 Jahre alt.

Playlist:  Artist / Track / Album / Label
1. L. Shankar / Darlene (Kramladen-Themamusik) / Touch Me There / Zappa Records
2. Paul Vincent / Universal Love / L.O.V.E. / Luxus Musik, Bell Records
3. Paul Vincent / Shangri-La / Electric Hippie Music / Luxus Musik, Bell Records
4. Vincent Rocks / Eine kleine Nachtmusik, Sunshine Of Your Love / American Girl live / Luxus Musik, Bell Records
5. Paul Vincent / Daytripper / My Beatles Songbook / Luxus Musik, Bell Records
6. Klaus Doldingers Motherhood (feat. Paul Vincent und Udo Lindenberg) / Song Of Dying / Klaus Doldingers Motherhood / Liberty Records
7. Freddie Mercury / Man Made Paradise / Mr. Bad Guy / Columbia
8. Udo Lindenberg (feat. Paul Vincent) / Montage diverser Songs / diverse Alben /  diverse
9. Wolle Kriwanek Band / I bin für die bloß der Neger / Schwabenrock / Mercury
10. Paul Vincent Gunia / Der Schneemann / Soundtrack / download
11. Paul Vincent / Ticket To Ride /  My Beatles Songbook / Luxus Musik, Bell Records