Schallplatte mit Volker Rebell Beschriftung

Texte

Auf dieser Seite folgen nach und nach Texte, Beiträge, Artikel, die irgendwo veröffentlicht wurden, oder einfach so aus Lust und Laune von mir geschrieben wurden.

 

Beitrag für die Deutsche Welle, Bonn - 01.06.2010

„Faszinosum Open Air"

Man kann die Musik, die man mag, in Zellophan verpackt, mit Barcode versehen, als CD kaufen und über Super-Musikanlagen gestochen scharf und glasklar hören, man kann die favorisierte Musik auf alten Vinyl-Platten nostalgisch über edelste Grammophone abspielen und sich am warmen Klang delektieren, einschließlich der kleinen Knister-Störgeräusche - jeder Knackser „tells a story" - man kann seine Lieblings-Songs aus dem Netz saugen und als mp3-Datei über I-Pods, Handys etc. jederzeit und überall verfügbar machen. Aber dabei fehlt immer etwas Entscheidendes: Spannung, Atmosphäre, Direktheit, schweißtreibende unmittelbare Energie, auch so etwas wie Kommunikation und ein gemeinschaftliches Erlebnis. Das alles bringt die Musik nur rüber, wenn sie live ist, dann erst übermittelt sie ihre ganze Botschaft.

(Live is live - Opus)

Lebendig ist Musik nur, wenn sie für ein Publikum live aufgeführt wird. Warum nicht bei einem Festival unter freiem Himmel?

(Liveatmo)

Einfach geil, super-cool, hammermäßig, so bejubeln junge Fans den Besuch eines Openair-Festivals.

Sommer, Sonne Open Airs, auch wenn die Sonne nicht immer mitspielt: in der wärmeren Jahreszeit pilgern alljährlich Tausende von Pop- und Rockfans in die Freiluft-Arenen, um neben einem Gemeinschaftsgefühl auch die angesagten Stars und Newcomer der aktuellen Popszene live zu erleben. Seit gut 50 Jahren sind die Massenwallfahrten zu den Feldlagern der Popkultur ein Phänomen.

Die Geschichte der großen Open Air-Festivals begann im „Summer of Love" 1967 in Kalifornien. Auf der Festwiese von Monterey fand das erste „Love and Peace"-Massen-Festival statt. Es war das erste große internationale Popereignis, bei dem etwa 50.000 Besucher zusammenkamen, um die Popgrößen der damaligen Zeit live zu erleben, Stars wie The Who, The Byrds, Jimi Hendrix und neben vielen anderen auch eine junge Sängerin, die damals noch ganz am Anfang ihrer Karriere stand und die Festivalbesucher gleichermaßen schockierte wie faszinierte mit ihrer whisky-getränkten, energie-geladenen Blues-Röhre

("Down on me" - Janis Joplin)

In Monterey wurde im Juni 1967 nicht nur Janis Joplin entdeckt, dort haben die Plattenbosse und Konzertveranstalter zum ersten Mal registriert, dass mit Popmusik und Festivals großes Geld zu machen ist. Ebenso friedlich wie das „Monterey International Pop Festival" verlief zwei Jahre später auch das zum Mythos überhöhte „Woodstock Music and Art Festival", das im August 1969 im US-Bundesstaat New York stattfand: „legendäre Tage voller Frieden, Liebe und Musik", wie es damals zu lesen war.

(O-Ton Woodstock „Peace")

Die etwa 500.000 Woodstock-People skandierten ganz im Sinne der Hippie-Gegenkultur „Peace, peace" und standen dabei im Schlamm oder saßen im Matsch bei strömendem Regen, während Country Joe McDonald das berühmte böse F-Wort mit dem Publikum buchstabierte.

(„Gimme an F" - Country Joe McDonald in Woodstock)

Woodstock ist zum Synonym geworden für das Open Air Festival als Wallfahrtsort der Popjugend. Doch das allererste Open Air Groß-Ereignis der Popgeschichte fand am 23. August 1964 vor 17.000 schreienden Kids statt. Es war zwar kein Festival, denn es trat nur eine einzige Band damals in der Hollywood Bowl von Los Angeles auf. Doch diese 4 Pilzköpfe legten den Grundstein für die künftige Open Air-Entwicklung. Stimmt das wirklich? Yeah Yeah Yeah

(„She loves you" - Beatles-Konzert 1964 Hollywood Bowl)

An diesem Augusttag vor 46 Jahren wurde das Massenspektakel „Open Air Konzert" geboren. Warum Tausende von Leuten zu einem Konzert unter freiem Himmel strömen, ist in diesem Fall leicht beantwortet. Die 17.000 Fans, zum damaligen Zeitpunkt die größte Menschenmenge, die je zu einem Popkonzert im Freien gekommen war, wollten natürlich ihre Idole John Paul George und Ringo sehen. Ein Jahr später spielten die Beatles im ausverkauften New Yorker Shea Stadion vor über 55.000 Fans.

(Atmo Shea-Stadion)

Worin liegt die Faszination der großen Open Air Veranstaltungen? Im Falle der Beatles zu Zeiten der hysterischen Beatlemania war das keine Frage. Aber heutzutage strömen Tausende auch zu Newcomer-Festivals, bei denen nur relativ unbekannte Bands auftreten.

(Festival Liveatmo) + („Shine" Collective Soul)

Popkonzerte unter freiem Himmel gehören zu den schönsten Erfahrungen, die der Sommer einem musikbegeisterten Menschen bieten kann.  Aber was ist, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, wenn es kalt und windig ist? Dann wird schnell klar, dass Konzerte unter freiem Himmel für einen optimalen Musikgenuss höchst ungeeignet sind. Das gilt nicht selten auch bei günstigen Wetterbedingungen.

Die Beschallung, die Akustik, das unverfälschte Hören der live aufgeführten Musik ist schon in geschlossenen Räumen nicht unproblematisch; im Freien ist eine gute Akustik oder gar ein optimaler Klanggenuss fast ein Ding der schalltechnischen Unmöglichkeit. Weiter hinten auf dem Festivalgelände wird der vielleicht noch so gut abgemischte Sound vom Winde verweht, in der Nähe der Bühne, da wo die Optik am besten ist sorgt der akustische Druck der Lautsprecher dafür, dass einem das Haupthaar nach hinten gefönt wird, potentielle Hörschäden inklusive. Das heißt: die akustischen Bedingungen bei Open Air Festivals sind oftmals ein Graus. Das weiß fast jeder Festivalbesucher. Warum also geht er trotzdem hin?

Um zu sehen und gesehen zu werden? Wegen des Gemeinschaftsgefühls, der Vorstellung von wir-sind-alle eine Familie? Wer ein Groß-Festival schon mal besucht hat, weiß, die Erfahrung von Gemeinsamkeit beschränkt sich meist darauf, dass man Teil einer Masse ist. Oder wie es ein Kritiker formulierte: „Die Manifestation einer gemeinschaftsbildenden Kraft, die Hoffnung auf solidarisches Erleben, erfüllt sich nur darin, dass die Besucher einige Zehntausende zählen".

(Atmo Festival „Rock am Ring")

Quantität ist das vor allem herausragende Phänomen eines Mega-Festivals: die Masse an Menschen, an auftretenden Künstlern, an Phonzahlen, und nicht selten auch die Quantität an Kommerz. Oftmals sind die Festivals gigantische Werbeveranstaltungen für Konsumgüter und Genussmittel. Die Tabak-, Getränke- und Klamottenindustrie hat die großen Festivals längst in der Hand oder hält die Hand auf für ihr scheinbar generöses Sponsoring. Die großen Event-Festivals gleichen oft live-inszenierten Werbespots. Ob Bierbrauer, Zigarettenhersteller oder Jeansverkäufer, sie betreiben ihre Geschäfte auf und mit den Open Air-Events. Viele der Kommerz-Festivals zeigen schon im Namen, wem sie gehören und für wen sie Reklame machen.

Ohne das große Geld der Sponsoren lassen sich Mega-Festivals nicht finanzieren, sagen viele Veranstalter - das ist offenbar so. Aber warum müssen Open Air Festivals denn überhaupt dermaßen gigantisch sein? Wer profitiert am meisten vom Gigantismus? Der Veranstalter? Die Sponsoren? Die Künstler, das Publikum? Die am Musikgenuss interessierten Konzertbesucher dürften - wegen der problematischen Klangqualität und der begrenzten Sichtmöglichkeiten - wohl am wenigsten von einem Massenfestival profitieren, obwohl sie das alles finanziert haben.

(Musik aus Werbespot)

Warum also geht man hin zum Open-Air-Konzert? Wird ein Benefiz-Festival nur besucht, weil man Solidarität und Engagement beweisen und sich für einen guten Zweck einsetzen will - wie 1971 beim „Concert For Bangladesh" oder wie beim gigantischen Live-Aid-Festival, 1983 veranstaltet zugunsten der Hungernden in Afrika und weltweit von 1,5 Milliarden Fernsehzuschauern verfolgt?

Geht man zu einem der vielen Umsonst & Draußen-Festivals, nur weil es keinen Eintritt kostet?

Geht man hin, nur weil es sich um ein gesellschaftliches Ereignis handelt oder weil hier der Wind der Geschichte weht, wie etwa bei den Open Air-Veranstaltungen für Amnesty International, oder dem „Free Nelson Mandela"-Konzert von 1988 oder bei dem Spektakel „The Wall live", als  nach dem Fall der Mauer Roger Waters in Berlin im Juli 1990 sein Pink Floyd-Opus „The Wall" vor 250 Tausend Zuschauern aufführte?

("Another brick in the wall" - Roger Waters "The Wall Live")

Befragt, warum der durchschnittliche Musikfan zu einem Open Air Konzert geht, erhält man folgende Antworten: Auf dem Festivalgelände wäre man wie im Urlaub, es entstehe ein eigener kleiner Kosmos, die letzte Zuflucht vor dem Stress des Alltags, man würde coole Leute treffen, feire eine große Party, sei ein Teil des Ganzen und könne mal so richtig die Sau rauslassen. Es herrsche ein Ausnahmezustand, in dem vieles möglich sei, was draußen so nicht passieren könne, dies gaben jugendliche Open Air-Besucher bei einer Befragung zu Protokoll.

Das Ausrasten und Über-die Stränge-schlagen kann allerdings zu furchtbaren Konsequenzen führen, wie im dänischen Roskilde im Sommer 2000, als acht Festivalbesucher ums Leben kamen, weil übermütige Fans am Bühnenrand schubsten und drückten und hinstürzende Menschen unter sich begruben. Das Festival von Roskilde hatte sein Altamont erlebt, jenes Trauma, das sich auf ewig mit einem Free-Concert der Rolling Stones verbindet, als im Dezember 1969 ein junger Schwarzer von Hells Angels direkt vor der Bühne erstochen wurde.

("Jumpin Jack Flash" Rolling Stones)

Doch auch jedes friedlich verlaufene Open Air -Festival geht dann allzu schnell zu Ende. Die Festivalbesucher haben 30 bis 170 Euro für den Eintritt bezahlt, vielleicht noch die neue DVD der Lieblingsband für 15 Euro auf dem Festivalgelände gekauft, 12 Euro berappt für das Festival-T-Shirt als Andenken. 5 Euro für das Programmheft, 3,50 für einen Becher Zuckerwasser oder Bier, 4 Euro für ne trockene Stulle, 10 bis 50 Euro für die Anreise zum Festivalgelände: Summa summarum im Durchschnitt 100 Euro. Sie haben draußen vorm Eingang in der Schlange gewartet, sie haben drinnen in der Schlange vor den sanitären Einrichtungen gewartet, sie waren 10 bis 50 Tausend Gleichgesinnte unter sich, dicht gedrängt nebeneinander, rauchend, kiffend, trinkend, dösend, redend, zuhörend, das Vorprogramm geduldig absitzend, die Hitze oder den Regenschauer ertragend und die länger als geplant sich hinziehende Umbaupause klaglos hinnehmend. Beim Eindunkeln dann die Sterne und die Stars, zweieinhalb Stunden Powersound, vielleicht ein Schlagzeugsolo, oder ein Gitarrensolo, drei Zugaben und Tausende leuchtende Handys, was früher die flammenden Feuerzeuge waren. Und dann ist der Spuk vorbei. Die Fans sind begeistert, der Moderator vom lokalen Privatradio ist begeistert, der Veranstalter war schon im Voraus begeistert und die Zeitungen werden die Begeisterung übermorgen nachholen; die Blogger Simser und Twitter sind da sehr viel schneller mit dem Begeistert-sein. „Do you feel alright" hatte der Sänger gerufen, "everybody say yeah". Und siehe: alle sagten sie "ja ja ja",  alle fühlten sich prächtig, manche gar high und andere trunken von neuen Eindrücken oder nur von zuviel „Allohol".

Aber was bleibt? Was nehmen die Festival-Besucher mit in ihren Alltag? Im besten Fall die Erfahrung von einer Gegenwelt, in die man sich aus der lustverhehlenden Arbeits- und Alltagswelt immer wieder zur Sommerzeit flüchten kann. Oder: wenn es nichts weiter wäre als die Erinnerung an ein paar erfreulich verbrachte Stunden, womöglich gar mit ein paar intensiven Momenten unter Gleichgesinnten, dann wäre das auch schon eine ganze Menge.

(Grönemeyer live, Publikum singt)

PS: Beobachter der Open Air-Szene nennen immer wieder das Haldern Pop Festival am Niederrhein als Beispiel für ein gelungenes Festival, weil die Zahl der Besucher auf 5000 beschränkt wird, weil sich die Organisatoren dem Prinzip Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen, weil „zeitgenössische Themen, intelligente und gefühlsbetonte Musik mit dem existentiellen Lebensgefühl verknüpft" werden und damit „die schon verloren geglaubte Ursprünglichkeit von Musik und ihre emotionalen Wirkungen" live erfahrbar sind.

Das 27. Haldern Pop Festival findet vom 12. bis 14. August 2010 statt. Über 40 internationale Gruppen und Solisten, überwiegend aus der Indie-Popszene, werden auftreten, darunter Sophie Hunger, Portugal.The Man, Mumford & Sons, Detroit Social Club, Beirut etc. (Seit Ende Mai ist das diesjährige Hadern Pop Festival bereits ausverkauft)

Nachtrag: Unter der Überschrift „Der größte Pop-Zirkus Europas - vier tolle Tage feierten Esoteriker, Linke, Künstler und Musiker das Glastonbury-Festival" schreibt Christoph Albrecht-Heider am 29.06.2010 in der FR: „Mit fast 1500 Gruppen und DJs auf mehr als 40 Bühnen ist ‚Glasto' weit mehr als ein Rockfestival, es ist auch Karneval und Kirchentag, Love Parade und Landpartie, Protest und Popkultur, oder auch, um es mit einem beliebten T-Shirt-Aufdruck zu sagen: sex and drugs and sausage roll."

 

  

Frank Zappa / Freak-Genius mit Frack-Habitus

(Fast) alles über die »Urmutter« der Mothers of Invention, über sein Leben, seine Psyche, seine Platten,

aufgezeichnet von Volker Rebell (im Jahre 1977)

Buch-Kapitel in "Rock-Session 1 - Magazin der populären Musik (rororo 7086) erschienen im Rowohlt Taschenbuch-Verlag 1977

»The cheese I have for you is real and very new«

Da stimmen so viele Szenenbeobachter in den Klagegesang auf die musikalisch niedergehende, richtungslos und inspirationsarm gewordene Rockszene ein und lassen die Ausnahme von der Regel generös unter den Tisch fallen. Wandelt man abseits der ausgelatschten Rocktrampelpfade und lässt sich vom Talmiglanz des buntschillernden Ex-und-Hopp-Pop nicht blenden, wird man feststellen, dass die kreativ fruchtbaren Sonderfälle in der Rockeinöde gar nicht so spärlich gesät sind wie oftmals behauptet.

Es gibt sie, jene Rockmusik-Entwicklungen, die sich mehr oder minder losgelöst haben von den festgeschriebenen, standardisierten Formen, Mustern und Schablonen, nach denen etwa die Wegwerfmoden gestrickt sind. Es gibt progressive Tendenzen, die aber dennoch in der afroamerikanischen Rocktradition stehen, diese Tradition jedoch nicht museal bewahrend beweihräuchern, sondern sie benutzen, um sie zu verändern.

Die Zahl der echten Rockinnovatoren mag bescheiden sein, gemessen an den Heerscharen des zurückgebliebenen Fußvolks. Doch die impulsgebende Funktion dieser kleinen radikalen Rockminderheit für die kommerziell auswertenden Nachzügler ist nicht zu unterschätzen.

Eine der schillerndsten, faszinierendsten und widersprüchlichsten Persönlichkeiten im kleinen Häuflein wackerer aufrechter Rockerneuerer ist: Frank Zappa, Jahrgang 40, Rockgröße, Groß-Mutter der MOTHERS OF INVENTION. Er ist die Intelligenzbestie, das Universalgenie, der Zehnkämpfer unter den Rock-Matadoren. In allen Disziplinen ist er zu Hause, in allen Sparten beweist er seine Meisterschaft mit kreativen Höchstleistungen. Ganz oben auf dem Siegertreppchen thront er im Rock-Olymp. Kaum ein Jahr vergeht, in dem er nicht irgendwo in der Rockwelt zum «Musiker des Jahres» gewählt würde.

Über Mangel an Lobeshymnen und verbalen Goldmedaillen braucht sich der Rock-Genius, samt seiner erfindungsreichen Mütter, als Meister halsbrecherischster Kunststücke aus der musikalischen Trickkiste, nie zu beklagen. Wohl aber über die ......  (mehr, bzw. der gesamte Text in aktualisierter Form  in absehbarer Zeit als digitaler Download)

 

Linernotes für die DVD/CD-Produktion: „DIAMONDS - an orchestral tribute to The Beatles", eine Veröffentlichung der Beatles Revival Band + Orchestra

01.04.2010

Die Beatles „vergeigen", darf man das? Man darf - wenn es so stimmig und hörenswert in Szene gesetzt und mit so viel Gespür und handwerklichem Können realisiert wird wie vom Beatles Revival Orchestra unter der Leitung von Fritz Heieck. Aber grenzt das nicht an Majestätsbeleidigung, wenn man sich erdreistet, die genialen und auf ewig gültigen Original-Fassungen der Beatles durch Orchesterarrangements im Charakter völlig zu verändern? Schon ab 1965 haben die Beatles selbst ihren Gitarren-Sound durch Hereinnahme ungewohnter Instrumente erweitert. Das Streichquartett im Song „Yesterday" veränderte das Klangspektrum der Beatles - und damit der gesamten Popmusik - nachhaltig. Weitere Streicher- und Orchesterarrangements folgten, um nur die Songs „Eleanor Rigby", „She's Leavin Home", „A Day In The Life" und „I Am The Walrus" zu nennen. Das heißt: die Fab Four haben mit Unterstützung des „fünften Beatle", des Produzenten und Arrangeurs George Martin, den orchestralen (Klang-)Weg schon vorgegeben, den das Beatles Revival Orchestra nur konsequent weiterzugehen brauchte. Doch die Neubearbeitungen von Fritz Heieck gehen noch einen Schritt weiter - und zwar in Richtung Neu- und Umdeutung der Songvorlagen durch eine Neuordnung und -gewichtung der Instrumentierung: so übergibt er z.B. im Song „A Hard Day's Night" die wichtige rhythmische Funktion an die Streicher, die mit präzisem Stakkato eine „konzertante" Rhythmisierung erzeugen, wie sie von Schlagzeug, E-Bass und Rhythmusgitarre niemals hörbar gemacht werden könnte. Die klangprägenden Gitarren-Riffs in Songs wie „I Feel Fine" und „She Loves You" lässt er von Holzbläsern spielen und die psychedelischen Sounds im Song „Lucy In The Sky With Diamonds" werden orchestral umgesetzt und kammermusikalisch veredelt, wobei zusätzlich Gastsängerin Kati Karney mit engelsgleicher Stimme die Diamanten am Himmel funkeln lässt. Und die Beatles Revival Band, die sich die musikalische Federführung mit dem Orchester teilt, tut das, was sie seit über 30 Jahren macht und was sie kann, wie kaum eine andere Band: das klanglich-musikalische Erbe der Beatles kompetent und im besten Sinne traditionsbewusst zu bewahren. Und wenn die Band loslegt, dann ist sie in ihren besten Momenten auch vom mächtigen Orchesterklang nicht zu dominieren.

Paul McCartney dürfte mit den Orchester-Arrangements von Fritz und dem BRO sehr zufrieden sein. Und John Lennon? War er nicht bekannt dafür, ein überzeugter Pomp- und Pathos-Hasser zu sein? Und hielt er es nicht mit Chuck Berry's despektierlicher Klassik-Verspottung: „Roll over Beethoven and tell Tchaikovsky the news"? Aber war es nicht auch der gleiche John Lennon, der George Martin aufforderte, er solle zum Lennon-Schlaflied „Good Night" ein Streicher-Arrangement im Klischee-Stil Hollywoods schreiben, was der Beatles-Produzent dann auch auf gekonnte Weise zu Gehör brachte: die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins. Auch Fritz Heiecks Arrangements für das BRO nutzen die Effektmöglichkeiten, die klangliche Grandezza und emotionale Bandbreite eines sinfonischen Klangkörpers. Doch zu den typischen Orchester-Klischees von Kitsch und Pathos hält er stets ausreichend Abstand. Und das hätte wohl auch einem John Lennon gefallen.

Die Musik der Beatles ist heute längst die Klassik der Gegenwart. Was zu beweisen war. Und das ist in dieser Produktion trefflich gelungen.

 

 

Mutter Marias weise Worte

Anmerkungen zum Song „Let It Be"                  VR 12.04.10

Artikel für das Rock-Magazin „eclipsed", Ausgabe Mai 2010, zum 40-jährigen Jubiläum der Veröffentlichung des Songs „Let It Be", Titelstück des letzten Beatles-Albums, das am 8. Mai 1970 erschien. (Die Single „Let It Be" kam bereits am 6. März 1970 auf den Markt. Die Aufnahmen des Songs „Let It Be" begannen am 31.01.1969; die letzten Overdubs fanden am 04.01.1970 statt)

„Lato B" (zu deutsch „B-Seite") - so lautet verballhornt eine exotische Coverversion von „Let It Be", eine a-cappella-Ulknummer der italienischen Band Powerillusi. Paul McCartney's finale Hymne "Let It Be", als letzte Single der Beatles in Europa am 6. März 1970 veröffentlicht, wurde oft gecovert und in viele Sprachen übersetzt.

Würde man „Let It Be" mit „Lass es sein" übersetzen - was oft geschieht - dann wäre das eine Übersetzung im Stile des Heinrich Lübke-Englisch á la „Equal goes it loose" - Gleich geht es los. Oder: „Do You Want To Know A Secret" - Wills du ein Sekret kennen lernen? Richtig übersetzt bedeutet „Let It Be" - wie wir natürlich alle wissen - „Lass es geschehen". Ende 1968, als die Stimmung in der Band einen Tiefpunkt erreichte, schrieb sich Paul McCartney mit diesem Song den Frust von der Seele. Er litt damals ganz besonders unter dem drohenden Ende der Beatles, kämpfte mit Schlafstörungen und war tief verunsichert. In seiner dunkelsten Stunde hatte er eine Vision. Seine Mutter Mary, die an Krebs starb, als er 14 war, erschien ihm im Traum und tröstete ihn mit den Worten „Let It Be - Lass es geschehen".

Der Refrain klang im Nachhinein wie ein melancholischer Abgesang auf die große Ära der Beatles und konnte ebenso verstanden werden als endgültiger Abschied von den 60er Jahren und ihren großen Idealen und Hoffnungen. Doch bevor all die neuen Lebensentwürfe der Sixties scheitern, bevor die überschwänglichen Pläne der Gegenkultur „in my darkest hour" resignativ untergehen, gibt es doch noch einen hoffnungsvollen Lichtstreif am Horizont: „there is still a light that shines on me, ..., let it be." Mutter Marias Worte der Weisheit wurden damals von vielen als quasi-religiöse Botschaft verstanden. Die „katholische Scheinheiligkeit", die John Lennon in Pauls Text heraushörte, fand ihre musikalische Entsprechung in kirchenmusik-ähnlichen Vorhaltakkorden, dem Klang einer sakralen Orgel und der Anmutung eines modernen Gospel. Johns Aversion gegenüber der scheinbar himmlischen Botschaft des Textes drückte sich in seinem spöttischen Spruch unmittelbar vor Beginn des Songs aus. Mit Kinderstimme flachste er: „and now we'd like to do ‘Hark, the Angels come'."

Für alle Beatles-Fans, die nach der Trennung ihrer Helden todtraurig die Köpfe hängen ließen, war „Let It Be" wie ein tröstendes, aufmunterndes Schulterklopfen. Letztlich sind die „weisen Worte" „Let It Be" eine Mischung aus Alltagsphilosophie, Lebenshilfe und Plattitüde - und damit Pop im reinsten Sinne. Lassen wir's geschehen - und lassen wir's dann auch gut sein.

 

 

Das Walross, Ahnherr des Artrock?

Thema: Die Beatles und die Entwicklung des Progressive/Artrock

Artikel für das Rock Magazin „eclipsed", Ausgabe September 2009 (VR 09.07.09)

Die furiose künstlerische Entwicklung der Beatles in den Jahren 1965 bis '68, die atemberaubenden Innovationen klanglicher und musikthematischer Art, vor allem in ihren Alben Revolver, Sgt. Pepper und Magical Mystery Tour, weckten und förderten das wachsende Interesse an artifizieller Popkultur und führten fast zwangsläufig zur Etablierung neuer, experimentierfreudiger und künstlerisch anspruchsvoller Popmusikformen. Die Beatles und niemand sonst gelten zu recht als Ahnherren des Art-Pop. Ohne die genialische Klangfantasie und wagemutige Kreativität von Lennon/McCartney & Co hätten sich wahrscheinlich Neutöner-Bands wie Pink Floyd oder King Crimson, die beide selbst eine Art Nukleus einer Stil- und Sound-Explosion bildeten, nicht im bekannten Ausmaß entfalten können.

Alles begann mit dem Wetteifer zweier begabter, ehrgeiziger Jungspunde. Die kreative Rivalität zwischen den Freunden und künstlerischen Konkurrenten John Lennon und Paul McCartney setzte schöpferisch-gestalterische Energien frei, die alles bisher Dagewesene über den Haufen werfen und Form und Inhalt der Popmusik völlig verändern sollten.

Förderlich für die stetige Weiterentwicklung der Beatles-Musik waren bestimmte Eigenarten der beiden Anführer: Pauls Hang zu Perfektionismus, seine ausgeprägte Neugier und seine Abneigung gegenüber Wiederholungen - und auf der anderen Seite: Johns fatale Ungeduld und seine starke Neigung zu außergewöhnlichen Experimenten und „spinnerten" Ideen, die noch verstärkt wurden durch seine Bewunderung für seine große Liebe, die Avantgarde-Künstlerin Yoko Ono, die seine Kreativität ungemein beflügelte - mitunter bis ins Extreme, Abstruse. Auf jeden Fall wurde Lennons Eigensinn und seine Freude an unüblichen und komplexeren Ausdrucksformen durch Yoko Onos Einfluss befördert. Und dann war da noch der Dritte im Bunde, der die Außenseiterrolle, als Songschreiber nur dritte Wahl zu sein, allmählich leid war. Die allmählich sich steigernde künstlerische Entwicklung von George Harrison erhöhte das musikalische Potenzial im kreativen Spannungsfeld der Beatles.

Den Startschuss für die Entwicklung des Art-Pop und aller verwandter progressiver Stilrichtungen lieferte Revolver, das erste psychedelische Album der Beatles vom August 1966. Vor allem der Schlusstitel Tomorrow Never Knows kann mit seiner geradezu revolutionären Klanggestalt als Initialzündung angesehen werden für die Soundexperimente des ab 1967/68 sich herausbildenden progressiven Art-Rock. Phil Collins coverte Tomorrow Never Knows für sein erstes Solo-Album Face Value von 1981. Als 13-jähriger war Phil Collins übrigens im ersten Beatles-Film A Hard Days Night als einer von Hunderten kreischender Teenies zu sehen (während der TV-Konzert-Sequenz). Die frühen Genesis waren konzeptionell und kompositorisch stark von den späten Beatles-Alben beeinflusst, coverten aber nie einen Beatles-Song. Peter Gabriel interpretierte den genialen Lennon-Song Strawberry Fields Forever in seiner frühen Solo-Ära.

Die Mellotron-Klänge von Strawberry Fields Forever wurden von Moody Blues und Ten CC kopiert, inspirierten aber auch King Crimson, die von Kritikern als „The next Beatles" gefeiert wurden, weil deren Debütalbum In The Court Of The Crimson King, veröffentlicht im Oktober 1969, mit seinen Sgt-Pepper-ähnlichen Soundcollagen als Fortschreibung der Beatles-Kunstwerke verstanden wurde.

Nicht nur aus Musikerkreisen von King Crimson, auch von vielen späteren Art- und Prog-Rockern ist darüberhinaus der fantastische Beatles-Klangtrip I Am The Walrus als entscheidender Einfluss genannt worden. Von Frank Zappa gibt es eine kongeniale Walrus-Fassung, live eingespielt auf seiner letzten Tour 1988. Das kakophonische Crescendo von A Day In The Life eröffnete vielen progressiv eingestellten Musikern eine neue Klangwelt. Danach schien im Pop alles möglich. Und mit der revolutionären Sound-Collage Revolution 9 aus dem Weißen Album waren die letzten Grenzen zur Avantgarde gefallen.

Die Premium-Band des Art Rock Gentle Giant bezog Inspiration für ihre vertrackten Chorarrangements und komplexen Rhythmus-Strukturen aus Beatles-Klassikern wie Happiness Is A Warm Gun, Here Comes The Sun u.a., wie die Shulman-Brüder in einem hr-Interview erzählten.

Die Artrock-Pioniere Yes überraschten in ihrem Debütalbum von 1969 mit einer ebenso verfremdeten wie veredelten Neufassung des eher banalen frühen Beatles-Songs Every Little Thing - eine aufschlussreiche Demonstration, wie sich Beatles-Elemente im Stil des Artrock verarbeiten lassen. Ganz ähnlich klingt auch so manche beatle-eske Artrock-Komposition jüngeren Datums, etwa von Porcupine Tree, der britischen Progrock-Band um Mastermind Steven Wilson, der ebenso bekennender Beatles-Fan ist wie Neal Morse, bis 2002 Kopf der US-amerikanischen Band Spock's Beard, in deren Musik Beatles-Themen fast allgegenwärtig sind. Nicht minder in den Songschöpfungen der Allstar-Band des Prog TransAtlantic, die u. a. von Neal Morse ins Leben gerufen wurde und die live regelmäßig ambitionierte Coverversionen von Beatles-Klassikern aufführt. So enthält deren Album Live In America großartige Interpretationen von Magical Mystery Tour und Strawberry Fields Forever. Für die DVD Live in Europe wurde ein Beatles-Abbey Road-Medley eingespielt. Zur Prog-Supergroup TransAtlantic gehört auch der Sänger/Gitarrist Roine Stolt, „hauptberuflich" Kopf der schwedischen Retro-Prog-Band The Flower Kings. Es versteht sich fast von selbst, dass auch deren Stilistik am dreistimmigen Gesang und an der Kompositionstechnik der Beatles orientiert ist.

Und um noch ein weiteres Beispiel zu nennen: Ty Tabor, Sänger, Gitarrist und Keyboarder der US-amerikanischen Hardrock-Band King's X macht auf seinen Soloalben immer wieder hörbar, wie die Beatles heute klingen könnten, wenn sie den Lennon-Weg über Yer Blues, Come Together und I Want You - She's So Heavy weiter gegangen wären und sich in Richtung progressivem Hardrock entwickelt hätten.

Ohne die Beatles würden vielleicht manche der progressiven Bands nicht existieren, auf jeden Fall würde vieles heute anders klingen.

 

Das musikalische Weißbuch der Sixties

Anmerkungen zum Album: The Beatles (White Album) (1968)

Artikel für das Rock Magazin „eclipsed", Ausgabe September 2009 (VR 30.06.09)

Die Frage, auf welcher Stufe der Qualitäts-Treppe das Weiße Album im Werke-Katalog der Beatles einzuordnen ist, beschäftigt die Beatles-Exegeten seit dem Erscheinungsdatum am 22.11.1968.

Das epochale Sgt. Pepper-Album vom Jahr zuvor, das von vielen als Zeitenwende in der Popkultur, gar als musikalisches Jahrhundertereignis hochgejubelt wurde, hatte Maßstäbe gesetzt - auch für die Beatles. Konnte ihr 17 Monate später veröffentlichtes Folgealbum, die Doppel-LP „The Beatles", nahtlos daran anknüpfen? „Für mich persönlich ist das Weiße Album das bessere geworden", gab Ringo in der „Beatles Anthology" zu Protokoll. Mit dieser Meinung stand Ringo zwar nicht alleine, aber widersprechende Stimmen waren nicht zu überhören. Wo ist das Neue, noch nicht Dagewesene, bislang Ungehörte? - fragten mit unüberhörbarer Enttäuschung all die Beatles-Anhänger, die auf neue Klangerforschungen und Themenentdeckungen in einer experimentierfreudigen Fortsetzung von „Revolver" und „Sgt. Pepper" gehofft hatten. Nein, diese Bedürfnisse bedient das Weiße Album tatsächlich nicht. Doch ist das Album deshalb eine Enttäuschung? Im Buch „The Beatles Anthology" wird Paul McCartney mit dem Ausspruch zitiert: „Man kann auch gute Musik machen, ohne sich ständig weiterzuentwickeln." Recht hat er. Die Behauptung, das Weiße Album sei rückschrittlich und biete nichts Neues, ist nicht zutreffend.

Neu sind vor allem zwei Dinge, die so bisher nie in diesem Ausmaß und in dieser Qualität auf einem Album der Beatles (oder von sonst irgendwem) festzustellen waren: zum einen das Füllhorn der Stile und Genres und zum anderen der Tonfall von Ironie und Parodie, das Augenzwinkern zwischen den Zeilen und Tönen. Die Beatles erfinden den Zitat-Pop, den Song-Eklektizismus und den Allround-Sound des Alles-geht-und-alles-passt-Zusammen. Sie stoßen die Türen nach allen Seiten auf und profilieren sich als Alleskönner und stilistische Universalisten.

Wer außer ihnen hat auf einem Album so viel zu bieten: Psychedelia, Rock 'n' Roll, Bluesrock, Hard- & Heavy Rock, Ragtime, Ska, Folk, Country, Rumba, Progressive Artrock, Singer/Songwriter-Ballade und Avantgarde? Die amerikanische Rockbibel Rolling Stone spricht von einer „Gesamtschau der Geschichte und Synthese westlicher Musik". Und John Robertson nennt das Album ganz ähnlich „eine handliche Geschichte der populären Musik seit 1920".

Erstaunlich, dass die Beatles dieses letztlich in sich stimmige und überzeugende Album überhaupt hinbekommen haben. Denn die Stimmung bei den Aufnahme-Sessions war erstaunlich oft angespannt bis gereizt, nicht selten gar vergiftet. Die bislang unschlagbare Viererkette begann sich aufzulösen. Der Grund dafür war weniger die ständige Anwesenheit und Einmischung von Yoko Ono im Studio, sondern vielmehr die zunehmende Individuierung und der wachsende Egoismus der vier Persönlichkeiten. Das Quartett, das sich von seiner Fab Four-Vergangenheit endlich befreien wollte, zerbrach in seine Einzelteile, in vier Solo-Künstler. „Nehmen Sie irgendeinen Track - es war ich und eine Begleitband, Paul und eine Begleitband. Es hat mir Spaß gemacht, aber danach sind wir auseinandergegangen." (John Lennon, zitiert nach „The Beatles Anthology")

So egozentrisch die Akteure gewesen sein mögen, so grauslich auch immer das Binnenklima in der Band sich nach außen, für die Beobachter, darstellen mochte - die vier Teilzeitfreunde/‑feinde konnten nicht ständig so furchtbar verkracht oder spinnefeind gewesen sein, wie es von allen Seiten kolportiert wurde. Sonst hätten sie letztlich nicht ein solch großartiges Endprodukt gemeinsam hinbekommen. Denn was am Ende aus der Plattenrille ertönte, das war kein Krieg der Klänge, Töne und Egos, sondern ein überzeugendes und in höchstem Maße kreatives und stimmiges Gruppenprodukt von vier Individualisten.

Der Grund für die Gitarrenlastigkeit des Albums und für die erstaunliche Häufung von folkähnlichen Songstrukturen in schlichten Arrangements ist die Tatsache, dass die meisten Songs im nordindischen Rishikesh entstanden während die Beatles im Ashram ihres neuen Gurus Maharishi Mahesh Yogi in die Technik und Philosophie der fernöstlichen Meditation eingewiesen wurden. Weil John, Paul und George nur ihre Akustikgitarren dabeihatten, deshalb waren alle kompositorischen Ideen und Songs, die in Rishikesh entstanden, naturgemäß reduziert auf die eingeschränkten musikalischen Möglichkeiten einer Wandergitarre.

Auch das in schlichtem Weiß gehaltene Albumcover mit der grafischen Reduzierung auf den Schriftzug „The Beatles" in hervorstehender Blindprägung stand im totalen Kontrast zum überbordenden Farbenrausch des detailreich collagierten Sgt. Pepper-Covers.

Das Weiße Album ist in seiner Widersprüchlichkeit und Inkonsistenz, in der bunten bis fahrigen Mischung aus (etlichen) grandiosen Firstclass-Songs und (ein paar) dürftigen, fast hingeschusterten Songs der B- und C-Kategorie, in der eklektischen Vielgestaltigkeit - exzessiv betrieben fast bis zur Beliebigkeit -, im Kontrast zwischen leisen, empfindsamen Liedern und gewaltvoll-lärmenden Verzerrer-Orgien, in all dieser Zerreißspannung, die während der gesamten Produktion in den Köpfen und Herzen der Beteiligten virulent ist, ein Abgesang auf die naive Hippie-Seligkeit des Summer Of Love. Und in seiner indifferenten Standortbestimmung ist dieses unvergleichliche Album auch ein suchender, vager Vorgriff auf ein undefiniertes Anderswerden und damit ein stimmig klingendes Pop-Zeitdokument des chaotischen, tumultuösen, aufregenden, die Welt und das Bewusstsein von ihr verändernden Jahres 1968.


- Charts: Einstieg wann?  
22. November 1968

- höchste Chartplatzierung   D /GB/USA: Platz 1

evtl. Zeitraum der Chartnotierung (= wie lange war die Platte in den Charts)
in GB stand das Album 7 Wochen lang auf Platz 1 und war insgesamt 14 Wochen in den britischen LP-Charts notiert. In den USA stand das Album 9 Wochen lang an der Spitze und wurde 155 Wochen lang in den Billboard 200 geführt.

- Studio(s): Name/Ort/
Abbey Road Studios, London und Trident Studios, London (nur: „Dear Prudence", „Martha My Dear", „Honey Pie" und „Savoy Truffle". Alle restlichen Songs wurden in den Abbey Road Studios aufgenommen)

- Zeitraum der Aufnahme: vom 30.05. bis 17.10.1968

- Name des Produzenten
George Martin, Chris Thomas, Paul McCartney (nur bei „Why Don't We Do It In The Road")

- Name des Artworkkünstlers:  Richard Hamilton

 

 

Variationen über die Liebe

in Songs und Moderationen aus hr3-Rebell-Sendungen
(Zitate aus Sende- Manuskripten vom Mai bis August 2005)


Hier kommt bald ein neuer Inhalt